Nigök Elbowsmasher#
“Ich bin nicht klein. Ich bin konzentrierte Wut.”
Wer die Tavernen von Tiefwasser besucht, hat vielleicht schon von ihm gehört – oder besser gesagt, ihn gehört. Das Klirren eines Bierkrugs, ein dumpfer Aufprall, und dann Stille. Am Tresen sitzt ein Halbling, kaum drei Fuss gross, mit einer Streitaxt auf dem Rücken, die grösser ist als er selbst. Er knirscht mit den Zähnen und murmelt Flüche vor sich hin, als führe er ein Gespräch mit jemandem, den nur er sehen kann.
Nigök Elbowsmasher diente einst in der Ostmark-Infanterie – der einzige Halbling in seinem Regiment. Jahrelang wurde er unterschätzt, verspottet, zum Vorräte-Bewachen und Wasser-Holen abkommandiert. Die Verachtung baute sich auf wie Glut in einem Schmelzofen.
Dann kam die Schlacht an der Wyrmbrücke.
Sein Regiment floh über die einzige Brücke über den Fluss Storn, eine Horde Gnolls im Nacken. Der Hauptmann befahl, die Brücke zu sprengen – während noch Soldaten darauf waren. “Akzeptable Verluste”, nannte er es. Nigök nannte es Feigheit.
Während alle anderen rannten, ging Nigök in die andere Richtung.
Er stellte sich in die Mitte der Brücke – ein drei Fuss grosser Halbling mit einer Streitaxt gegen eine Armee. Die Gnolls lachten. Der erste, der ihn erreichte, hörte auf zu lachen, als Grudge seinen Schädel spaltete. Dann der nächste. Und der nächste. Zwanzig Minuten hielt er die Brücke allein. Leichen türmten sich zu seinen Füssen. Blut floss in den Fluss.
Als die Brücke schliesslich einstürzte, ging Nigök mit ihr ins Wasser – und kroch irgendwie stromabwärts wieder heraus, halbtot.
Das Regiment nannte ihn einen Helden. Der Hauptmann steckte ihm eine Medaille an. Nigök biss die Medaille entzwei und spuckte sie dem Hauptmann vor die Füsse.
Er ging an diesem Tag und schaute nie zurück.
In Tiefwasser#
Nigök trieb südwärts, hohl und ziellos. Die Wut, die ihn auf der Brücke am Leben gehalten hatte, war zu Asche verbrannt. Er fand sich in Tiefwasser wieder – der Stadt der Pracht – obwohl er keine Pracht darin sah. Nur eine weitere Stadt voller Leute, die einem in den Rücken fallen würden, wenn es ihnen passte.
Er verbrachte seine Nächte im Gähnenden Portal, trank allein und sah Abenteurern zu, die in den Untenberg hinabstiegen.
Dann setzte sich jemand neben ihn. Ein Fremder mit freundlichen Augen und warmer Stimme, der von Veränderung sprach. Von Bruderschaft. Von einer neuen Ordnung, in der Loyalität etwas bedeutete und niemand auf einer einstürzenden Brücke zurückgelassen wurde.
Zum ersten Mal seit der Wyrmbrücke spürte Nigök etwas anderes als Wut.
Er spürte Hoffnung.
Ob diese Hoffnung berechtigt ist… bleibt abzuwarten.