Der Rote Rächer#

“Er ist gross. Schneller als jeder, der so gross ist, ein Recht hat zu sein. Und er riecht nach Seetang.” — Ein Händler, dem dreissig Golddrachen zurückgegeben wurden, die er nie als gestohlen gemeldet hatte

Seit einigen Monaten kursiert im Nordbezirk ein Gerücht über eine Gestalt, die nachts über die Dächer läuft. Gross, schlaksig, in einen dunklen Umhang gehüllt. Er bricht in die Kontore korrupter Händler ein, leert ihre Geldkassetten — und am nächsten Morgen finden die Bettler im Feldbezirk Münzen in ihren Schuhen.

Die Stadtwache hat ihn dreimal fast erwischt. Dreimal entkam er — einmal über eine Wäscheleine, einmal durch ein Fenster im dritten Stock, und einmal, indem er sich angeblich kopfüber an einer Dachrinne entlanghangelte, als wäre es das Normalste der Welt.

Niemand kennt sein Gesicht. Die Beschreibungen widersprechen sich — manche sagen, er trage eine Maske, andere schwören, er habe einfach ein Gesicht, das man sofort vergisst. Nur in einem Punkt sind sich alle einig: Er ist ungewöhnlich gross. Und er bewegt sich mit einer Geschmeidigkeit, die bei seiner Statur keinen Sinn ergibt.

Ein Wachmann behauptet, der Schatten habe ihm im Vorbeirennen zugerufen: “Nichts für ungut, Kamerad.” Ein anderer will gehört haben, wie die Gestalt auf einem Dach leise vor sich hin pfiff — ein altes Seemannslied.

Die Stadtwache nennt ihn einen gemeinen Dieb. Die Bettler nennen ihn einen Heiligen. Die Händler, die bestohlen wurden, nennen ihn gar nicht — denn wer zugibt, dass ihm Geld fehlt, muss erklären, woher es kam.


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